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Aus dem Leben eines Motorradfahrers

von Theo (Theo_W )

Kapitel 1: Wie alles begann

Es war Anfangs der 50er Jahre nach dem großen Krieg. In Deutschland lagen die Städte meist noch in Trümmern, die D-Mark war noch jung und von den Wirtschaftswunderjahren waren wir noch eine ganze Weile entfernt. Ich war sechs Jahre alt; das jüngste von vier Kindern, hatte zwei Schwestern und einen zwölf Jahre älteren Bruder.
Wir alle hatten das Glück, dass unsere Familie und unser Haus den Krieg heil überstanden hatte, und so konnte mein inzwischen achtzehnjähriger Bruder den »alten« Führerschein Klasse vier machen. Dieser Führerschein berechtigte zum Fahren von Fahrzeugen bis 250 ccm., oder größeren Maschinen und Traktoren bis 20 km/h Höchstgeschwindigkeit. Er war einfach und preiswert mit einer theoretischen Prüfung zu machen.
 
Natürlich wollte der frischgebackene Führerscheininhaber auch ein Fahrzeug. Nur waren die Finanzen äußerst knapp und Neufahrzeuge waren für einen achtzehnjährigen Berufstätigen fast unerschwinglich und »Gebrauchtes« war sehr rar und wurde zu horrenden Preisen gehandelt.
Was war mein Bruder so glücklich, endlich ein, mit elterlicher Hilfe, bezahlbares Motorrad zu finden. Es war eine rote Mars. Keine Ahnung was für eine. Ich erinnere mich nur noch an ihren fünfzackigen Stern. Mit dem roten Stern auf dem Tank sah die Maschine sehr nach den Russen in der Sowjetzone aus.
 

Jeden Abend saß nun mein Bruder an dem Teil, putzte und schraubte, doch leider erwiderte dieses undankbare Motorrad seine Liebe nicht. Die Maschine wollte oft nicht anspringen und wenn es ansprang, dann ruckelte und bockte sie auf der Straße herum. Wenn sie dann mein Bruder doch noch zum Laufen bekam, war er für mich der Größte. Etwas störte mich aber sehr an dem Ding: Es hatte keinen Soziussitz, war also ein Einsitzer - und ich durfte nicht mitfahren.

Ob es so eine Mars war?

Wie das so mit einer einseitigen Liebe ist: Es geht nicht lange gut. Da dieses Motorrad auch gleichzeitig unser »Familienfahrzeug« darstellte, wurde schon bald der Kauf eines neuen Motorrades beschlossen, denn »neu ist getreu«, wie mein Vater zu sagen plegte. Außerdem musste die Neue stärker sein und zwei Sitzplätze haben. Da Vater und Bruder jetzt in der gleichen Firma arbeiteten, konnten sie den Arbeitsweg gemeinsam mit dem Motorrad zurücklegen. Aber dazu brauchte es etwas zuverlässiges. Doch was?
 

Schließlich fiel die Wahl auf eine NSU Lux. Mann was ein Motorrad! Ich stand als sechsjähriger vor der Maschine und konnte mich nicht satt sehen daran. Der an beiden Seiten verchromte Tank, der Tankverschluss mit dem Siegerlorbeer, die feinen Linien mit Goldfarbe, die beiden Blechköfferchen die so charakteristisch für Lux und Max waren und dann das nach unten ausgestellte Schutzblech am Vorderrad.
 

Mein Bruder und mein Vater

Und das allerbeste: ein Schwingsattel, (auch »Eunuchenmacher« wegen des gummierten Stahlgriffs vor den Weichteilen genannt) war auch da. Jetzt konnte mein Bruder wenigstens nicht mehr sagen: »Ohne Sattel kann ich dich nicht mitnehmen.« Doch was war ich enttäuscht, als ich einen neuerlichen Mitfahrversuch startete. Nichts war es mit mitfahren. »Du bist noch zu klein«, bekam ich jetzt von ihm zu hören.
 
Doch Not macht auch schon Sechsjährige erfinderisch. Da kam mir ein Gerücht im Schulhof zu Hilfe. Ein Flugzeug der Amis sei heute früh in der Gemarkung draußen abgestürzt. Wo denn? Das wusste keiner genau. Als der »Große« endlich von der Arbeit kommt erzähl ich ihm die Neuigkeit. Da packt ihn die Neugierde. Er will hin, weiß aber nicht wohin. Beschreiben kann ich ihm die Stelle nicht, aber ich könnts ihm zeigen. So kommt mit einer kleinen Notlüge meine erste Ausfahrt mit der Lux zustande.
Über die Landstraßen ging die Fahrt, vorbei an Obst-, Korn- und Gemüsefeldern. Welch ein Geräusch war da vom Widerhall zu vernehmen, wenn wir an Mauern und Bäumen vorbeifuhren. Der Fahrtwind strich über die Haut und zerzauste die Haare. Ich drückte mich an meines Bruders Rücken, denn Schutzkleidung oder Brille hatte ich nicht. Unangenehm heiß spürte ich den Gummi des Sattels an meinen nackten Beinen. Im Spiel mit der Fliehkraft neigten sich Mensch und Maschine in die Kurven. Welch ein Erlebnis für mich. Noch heute, nach so vielen Jahren vergesse ich meine erste Ausfahrt nicht. Wir haben den Flieger übrigens selbst nach einer Stunde Fahrt nicht finden können ...
Doch das Eis war gebrochen und ich durfte mich fortan auf den »Eunuchenmacher« setzen.
 

Irgendwann geht auch der längste und schönste Sommer zu Ende und das Wetter zeigt sich von seiner schlechten Seite. Jetzt dachte man darüber nach, wie die beiden Männer wohl im Winter zur Arbeit kommen sollten. Mit dem Zug? Da wäre man doch so lange unterwegs gewesen. Und was das kosten würde zwei Monatskarten zu kaufen. Und dann die Umsteigerei und Warterei in dem zugigen Hauptbahnhof.

im Schwarzwald

Die Lösung: Ein Steib Beiwagen musste her. Und so kam es, dass wir im schlechtesten Herbstwetter zu viert mit der Lux im Taunus unterwegs waren. Bruder fuhr, Vater als Sozius, Mutter saß im Beiwagen und ich auf Mutters Schoß. Nur gut dass ich noch so klein war. Die beiden Schwestern waren schon zu groß dafür.
 
Mit der Lux haben wir noch viele Ausflüge in den nächsten Jahren gemacht. Doch irgendwann heiratete mein Bruder und brauchte ein Auto für Frau und Kinder. Da war ihm sein »kleiner vierer Lappen« behilflich und er tauschte die schöne Lux gegen ein Goggo mit 250 ccm. ein.

 
In den vielen Jahren die seitdem vergangen sind, habe ich noch oft an die Zeit mit der Lux zurück gedacht. Gerne würde ich eine besitzen, aber leider kenne ich meine beschränkten Fähigkeiten einen Oldtimer am Leben zu erhalten.
 
So belasse ich es dabei, das erste Motorrad in meinem Leben nur als Modell zu besitzen.

die Lux in 1:12

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